Rezensionen Vierne

 

Organ (2009 / Heft 3)

"Der Stuttgarter Organist und Stiftskantor Kay Johannsen jedenfalls - als diskografisch produktiver Bach-Interpret geschätzt - dürfte aufgrund seines historisch versierten Hintergrundes gewissermaßen die Idealbesetzung für dieses nicht unheikle Aufnahmeprojekt sein, leuchtet doch hinter den improvisatorisch motivierten Charakterstücken Viernes stets auch eine klare, satztechnisch fundierte Struktur hervor, was ja gerade deren kompositorische Stärke ausmacht. Johannsen löst die Erwartungen an einen frischen Interpretationsansatz voll ein: Mit spieltechnischer Souveränität, feinen agogischen Details, dem Instrument angemessenen Tempi und Registrierungen schafft er eine verblüffend lichte Atmosphäre. Dadurch wirkt nichts spröde oder akademisch, sondern mal lyrisch, mal kraftvoll - oder gelegentlich, wie etwa bei den Fantômes, mit augenzwinkerndem Witz. So gelingt ihm eine wirklich überraschend unkonventionelle Darstellung der Fantasiestücke, die man den etablierten Einspielungen als entschlackte, 'hellere' Alternative getrost zur Seite stellen kann."

 

Rondo (Oktober 2009)

"Wie wundersam bei Vierne das impressionistische Fluidum mit dem hier und da aufblitzenden sakralen Nimbus zusammenpasst, hatte Kay Johannsen bereits mit den beiden Pièces-Heften op. 51 und 54 unter Beweis gestellt. Zumal die Orgel der Dresdner Frauenkirche über eine Leichtigkeit in den mechanischen Darstellungsmöglichkeiten und über eine aus sich heraus leuchtende Dignität im Klang verfügt, die perfekt zu dieser Musiksprache Viernes passen. Auf diesem Niveau bewegt sich nun auch die Einspielung der Suiten II op. 53 und IV op. 55. Und so kann Johannsen den beruhigenden Strom von 'Clair de lune' genauso sensibel und konzentriert entfalten, wie er in Viernes Reverenz an die Toccata-Großmeister Frescobaldi und Bach beherzt seine Bahnen zieht."

 

Musik in Sachsen (Januar 2009)

"Kay Johannsen nutzt die klanglichen Möglichkeiten der französischen Kern-Orgel voll aus und verbindet seine feinfühlige Interpretation gekonnt mit der außergewöhnlichen Akustik der Frauenkirche Dresden."

 

Württembergische Blätter für Kirchenmusik (März 2011, Gerhard Paulus)

(...) "Kay Johannsen dosiert sehr geschickt die klanglichen Möglichkeiten der Kern-Orgel und nutzt gekonnt die große Akustik des Raums. Die Sammlung opus 53 (hervorragend: "Feux follets") und 55 (ausgezeichnet: "Clair de lune") verdienen genau so viel Beachtung wie die bekannteren Werke aus opus 54 ("Carillon de Westminster")".

 

Grammophone (März 2010, Malcom Riley)

"Kay Johannsen draws the contrapuntal lines with great care (...) The highlights include the tone-poem "Clair de lune" and the Quasimodic homage to Notre-Dame, "Gargouilles et chimères"."

 

resmusica.com (Dezember 2009)

"Même si la couleur générale diffère quelque peu des modèles parisiens, cet auteur est ici à l?aise, Kay Johannsen traitant cette musique avec toute la finesse de registration requise. Chaque pièce, d?une durée de moyenne de sept minutes, en général construite sur le modèle A-B-A, développe un climat particulier, permettant d?entendre tour à tour, divers mélanges et jeux de solo. Certains sont très beaux : les fonds de huit pieds dans le Lamento, les flûtes harmoniques dans Clair de lune, les anches du récit mêlées aux fonds du grand orgue dans Cathédrales, ou encore le tutti dans la Toccata."

 

Deutschlandfunk (November 2009, "Die neue Platte")

"Der Vergleich zu ... bereits existierenden Aufnahmen, zum Beispiel von Ben van Oosten, der diese Pièces de fantaisie an der Cavaillé-Coll-Orgel in Rouen eingespielt hat, ergibt folgendes Bild. Die Orgel in Rouen punktet mit deutlich größerer Variabilität der Klangfarben, nähert sich mit ihren Streichinstrumente imitierenden Registern dem sinfonischen Ideal, verfügt auch über eine deutlich größere Palette sanfter Solostimmen. Kay Johannsen gelingt an der Orgel der Dresdner Frauenkirche aber zusammen mit einer direkteren Aufnahmetechnik eine besser durchhörbare, klarere Darstellung, die Sie im direkten Vergleich nachvollziehen können."

 

Musik & Liturgie (Juni 2009, Thomas Haubrich)

"Die wohl empfehlenswerteste Einspielung der hier angezeigten vier CDs: Für den Carus-Verlag, der vor kurzem auch eine gelungene Gesamtnotenedition der Orgelwerke Louis Viernes vorgelegt hat, spielte der Stuttgarter Stiftskirchenkantor Kay Johannsen an der neuen Kern-Orgel (2005) der berühmten Frauenkirche in Dresden bereits die zweite und abschliessende Folge der Pièces de fantaisie Viernes ein, hier mit den Suiten opus 53 und 55. (...) Meines Erachtens gibt die vorliegende gelungene Gesamteinspielung der Fantasiestücke von Vierne den Praktikern Recht. Und auf besondere Art: Neben den bekannten und gelungenen Einspielungen der Vierneschen Werke, gerade der Fantasiestücke, an den berühmten authentischen Cavaillé-Coll-Orgeln mit Interpreten wie Baker, van Oosten, Rübsam sowie diejenige von Latry in Notre-Dame (wenn auch im umgebauten, aber nicht minder grandiosen Klang vor der letzten Restaurierung), zeigt die vorliegende Aufnahme, dass es auch anders geht -, zwar nicht «besser», «schöner» oder «richtiger», aber eben: anders. Die Dresdner Frauenkirchenorgel klingt zwar nicht so «dunkel» und «satt» wie die auch von mir heiss geliebten Cavaillé-Coll-Orgeln, aber durch die Vielzahl an helleren, präzisen, aber dennoch milden und weichen Grundstimmen und Obertonregistern klingt sie insgesamt etwas deutlicher und detailreicher. Johannsen vermag mit den durchaus immensen Klangressourcen der immerhin 67 Register kongenial umzugehen und spielt präzise aber musikalisch, virtuos aber immer mit feinem, stilsicheren Gespür, so dass es eine wahre Freude ist, die zahlreichen «fantasierenden» Charakterstücke anzuhören. (...) Eine lohnende Anschaffung für diejenigen, welche schon eine grossartige Aufnahme der Stücke auf Cavaillé-Coll-Orgeln im Regal haben, wie auch für diejenigen, die sich erstmals mit dieser grandiosen Musik beschäftigen möchten!"

 

Glaube und Heimat, Ev. Wochenzeitung in Mitteldeutschland (2009/43) 

"Kay Johannsens Vierne-Einspielung zehrt einerseits von der Klarheit und Wärme der Raumakustik und den klanglichen Vorzügen der Orgel aus der elsässischen Werkstatt von Daniel Kern. Andererseits agiert ein virtuoser und agiler Interpret an den vier Manualen. Viernes impressionistisch schillernde Musik rechnet mit Kathedralakustik und gewinnt viel durch geschickte Klangfarbenwahl. Das Label Carus bürgt für ein informatives Booklet und exzellente Aufnahmetechnik."

 

Stuttgarter Nachrichten (August 2009)

"Verschiedene Organisten teilen sich Viernes Orgelwerk. Kay Johannsen, der Stuttgarter Stiftskantor, als Dirigent und eben auch als Organist stilistisch vielseitig wie wenige und deshalb in jedem Klangidiom mit untrüglicher Eleganz, Konzentration und Transparenz bei der Sache, übernahm die 24 "Pièces de fantaisie" (Carus 83.250 und 83.251). Organisten müssen Wunder vollbringen. Sie sollen mit 14 Fingern spielen und dabei den Kopf nicht verlieren: zehn Finger an den Händen, vier an den Füßen (jeweils Spitze und Absatz), und "mit beiden Füßen eine zusätzliche Hand bilden", hat Widor von seinen Schülern verlangt.
Da hat man Fragen. Welche Anforderungen stellt Vierne an den Organisten? Kay Johannsen: "Die Orgelmusik von Vierne ist nicht gerade die, mit der man sich der französischen Orgelsinfonik nähert. Am einfachsten ist es, wenn man zuerst Franck und Widor spielt, auf deren Tradition Vierne sich ja bezieht. Vierne ist in den virtuosen Partien schwerer als Widor (als Franck sowieso), auch weil die Musik so chromatisch ist (...) man braucht ziemlich lange, um die Harmonien zu verstehen und in den Kopf bzw. die Finger zu bekommen. Vierne schreibt mit Vorliebe in den entlegensten Tonarten. Das macht es nicht einfacher."
Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Vierne von anderen Komponisten der französischen Orgelromantik? "In manchen Stücken hört man noch das 19. Jahrhundert nachklingen, in anderen Stücken ist Vierne mitten im 20. Jahrhundert gelandet. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Vierne bewegt sich in beiden Welten sehr überzeugend."
Vierne hat die Orgel "das mathematischste Instrument" genannt. Wie verstehen Sie diese Äußerung? "Vielleicht meint Vierne damit, dass bei der Orgel, diesem großen Instrument mit so vielen aufeinander bezogenen Teilen, die Mathematik für ihr Funktionieren eine große Rolle spielt. Bei den Pfeifen sind die Mensuren eine Wissenschaft für sich, auch beim Winddruck der einzelnen Werke muss genau gerechnet werden, bei der Traktur müssen die Verbindungen exakt geplant werden, damit das Spielgefühl stimmt (gemeint sind die Verbindung zwischen den Tasten und den Spielventilen sowie das System zum Ein- und Ausschalten der Register, d. Red.). Trotzdem ist eine Orgel natürlich mehr als die Summe mathematischer Ergebnisse, bei guten Instrumenten spürt man das nach wenigen Tönen, und da denkt auch kein Spieler an Mathematik."
Letzte Frage: Wann haben Sie die "Pièces de fantaisie" in der Frauenkirche eingespielt? "In der Frauenkirche herrscht bis in den Abend hinein Publikumsverkehr. Die Aufnahmen begannen nie vor 21 Uhr, oft erst um 22 Uhr, und dann ging es bis etwa 3 Uhr, an sechs Tagen hintereinander. Da muss man den Biorhythmus schon etwas austricksen."